• Susanne Bilz

Unsere Kleidung – Gebrauchs- oder Verbrauchsgut?



Große Mengen, kleine Preise – das war der Untertitel des Artikels, den die Fachzeitschrift der Textilindustrie zum Markeintritt eines neuen Players, der Kleidung für die ganze Familie und Haushaltsprodukte zu niedrigen Preisen anbietet, auf dem deutschen Markt veröffentlichte.


Der Tenor der Artikels war ziemlich euphorisch, Umsatzzahlen, Management und strategische Ausrichtung wurden gepriesen, aber das wird von einem Fachblatt sicherlich auch so erwartet. Schließlich treten die Marketingabteilungen der Unternehmen, die einen solchen Launch planen an die Redakteure heran und bitten um unterstützende Presse.


Das Prinzip von dem Discounter ist schnell erklärt: kein SchnickSchnack bei der Einrichtung, wenig Personal, Bekleidung für Damen, Kinder und Herren, Homeware. Und weil alles in sehr großen Mengen auch sehr günstig. 80% der Produktion in Asien. Werbeplakate für Babybodies aus Biobaumwolle für 1,30 € und auch sonst viele Umweltzertifikate und Hinweise auf faire Produktionsmethoden. Alles zum Wohle des bewussten Konsumenten und zur Beruhigung von Zweifeln, die sich in Anbetracht der Preise regen könnten.


Beim Lesen des Artikels musste ich an eine TV-Reportage über einen kilometerlangen und sehr breiten Berg aus Textilien auf einer der Hochebenen in Südamerika denken. Nachweislich stapeln sich dort Tonnen von Kleidungsstücken von überall her, auch aus Deutschland, und manches noch mit Originalpreisschild. Eine schier endlose Menge von Zeug, dessen wir uns entledigt haben.


Und ich erinnerte mich daran, dass ich mal Schwierigkeiten hatte, die Begriffe Gebrauchs-und Verbrauchsgüter zu unterscheiden. Damals gehörte Kleidung noch eindeutig zu den Gebrauchsgüter. Kleidung war eine Art Anschaffung, die meist wohl überlegt sein wollte, auf Langlebigkeit ausgelegt war und auch gerne weitergeben werden konnte. Besonders die Kinderbekleidung. Kleidung war wertgeschätzt.

Babybodys zu Preisen, die günstiger sind als ein Stück Butter sind keine Gebrauchsgüter mehr. Im Hinblick auf unseren heutigen Hygieneanspruch und die Hochleistungsprogramme moderner Waschmaschinen und Trockner hält ein solcher Body vielleicht noch nicht einmal so lange wie ein Stück Butter im Kühlschrank. Und weitergereicht werden an das nächste Kind kann er sicher in gar keinem Fall.

Offensichtlich aber finden sich Reste der Wertschätzung für das Gebrauchsgut ‚Kleidung‘ noch immer in unseren Köpfen. Wie sonst lässt sich erklären, dass wir diese absolut minderwertige Ware dann in die Kleidersammlung geben, statt sie in den Müll zu werfen und unser Gewissen damit beruhigen, dass wir etwas für weniger begüterte Menschen irgendwo auf der Erde gespendet haben. Aber nichts von diesem minderwertigen Zeug kann je weiter genutzt werden, meist taugt es nicht einmal zum Lumpen und so stinken und rotten die Textilberge weltweit langsam vor sich hin.


Spricht man Konsumenten auf diesen Sachverhalt an, ist die Antwort ein Schulterzucken und nicht selten lautet das Argument, alles komme ja ohnehin aus den gleichen Produktionsstätten und da könne man es auch zum günstigsten Preis kaufen.


Das ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Schließlich gibt es immer wieder Berichte von Marken, deren teure Stücke tatsächlich vom gleichen Band wie die Discountware laufen aber wir ziehen die falschen Schlüsse. Statt solche Berichte zum Anlass für bewussteren Konsum und gezieltere Nachfrage zu nehmen, stehlen wir uns gerne aus der Verantwortung und schlüpfen in die Rolle des machtlosen Verbrauchers, der wieder mal hinters Licht geführt wird.


Aber wir sind gar nicht machtlos. Uns steht heute nahezu jede Art von Information zur Verfügung um gute und schlechte Qualitäten voreinander unterscheiden zu können und wir verfügen über die Macht der Verweigerung. Wir sind diejenigen, die die Discounter erfolgreich machen oder eben nicht.

Und das Argument, dass nicht jeder über die entsprechenden Mittel verfügt, lass ich hier nicht gelten. Es sind nämlich nicht nur die sozial Schwachen, die Klamotten beim Discounter kaufen und wenn allein diejenigen, die es sich anderweitig leisten könnten, darauf verzichten, dann ist schon sehr viel gewonnen.


Kleidung muss wieder ein Gebrauchsgut sein, wertgeschätzt und zu uns passen statt trendy und vom neuesten Influencer promotet, denn wenig kommt uns täglich näher als das was wir anziehen.

Und wir müssen endlich begreifen, dass Nachhaltigkeit und Klimaneutralität auch in der Modeindustrie langfristig nur mit weniger und bewussterem Konsum zu haben sind und nicht über Fast Fashion

mit irgendwelchen Bio-Zertifikaten.


Alles andere ist Bullshit.


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