• Susanne Bilz

The Power of Dressing


Auch im Jahr 2021 scheint es für eine Vizepräsidentin der USA nicht möglich zu sein, sich mit Converse auf dem Cover eines der bekanntesten Magazine, der US Vogue zu zeigen. Zur Amtseinführung von Kamala Harris widmete ihr die Zeitschrift eine Sonderausgabe und löste damit eine hitzige Diskussion in den sozialen Medien darüber aus, wie eine Frau in ihrer Position auszusehen hat. Die eigentliche Story des Bildes dürften nur Kenner auf den ersten Blick erfasst haben: Das Print Cover zeigte Harris mit dunklem Blazer über hellem Top, schmaler Hose und, oh Schreck, brauen Converse Sneakers vor einem Hintergrund in rosé und hellgrün, den offiziellen Farben der ersten afroamerikanischen Schwesternschaft, der Harris während ihres Studiums an der Howard University in Washington angehörte. Nachdem das Cover vorzeitig auf Twitter gepostet wurde, erzielte es nicht die erwartet positive Wirkung. Die Reaktionen reichten von Unglaublichkeit, Erschrecken bis hin zu Wut und Enttäuschung. Scheinbar war man von der Art wie Harris dargestellt wurde alles andere als begeistert und empfand von ihrem Schuhwerk bis zur Gestik und Mimik diesen „Schnappschuss“ als der Vizepräsidentin unwürdig. Nicht angemessen und respektlos, schrieben Kommentatoren in den Sozialen Medien. Tatsächlich war die Kritik so massiv, dass die Redaktion einlenkte und parallel das digitale Cover veröffentlichte, welches eine alternative Version zeigt, auf der Harris in einem pastellfarbenen Anzug von Michael Kors vor einem goldgelben Hintergrund zu sehen ist. Offenbar soll auch Harris' Team mit dem formelleren Foto gerechnet haben während Chefredakteurin Anna Wintour erklärte, das Turnschuh-Bild zeige die Vizepräsidentin zugänglicher und nahbarer und passe deshalb besser zu ihrem Selbstverständnis.


Die Story ist in mehrfacher Hinsicht sehr bedenkenswert. Man stelle sich das gleiche Szenario mit einem männlichen Politiker oder Wirtschaftsboss vor, ebenso lässig mit Sakko, Hemd ohne Krawatte, mit weißen Sneakers, lächelnd vor dem Hintergrund der Farben seiner ehemaligen Studentenverbindung. Es ist fraglich, ob ein solches Bild mehr als die ein oder andere erhobenen Augenbraue als Reaktion hervorgerufen hätte. Womöglich wäre sein unkonventionelles Auftreten sogar noch gelobt worden.


Tatsächlich ist die Art und Weise, wie sich VOGUE selbst aus der Sache ‚herausgewunden‘ hat, nicht besonders rühmlich, weder für den weltweit etablierten Condé Nast Verlag noch für die sonst durchaus als durchsetzungsstark bekannte Anna Wintour. Das Team von Kamala Harris habe das Styling für das ursprüngliche Cover selbst verantwortet, hieß es in einer Stellungnahme der Redaktion und stellt sich damit ein echtes Armutszeugnis aus. Ein Magazin, das die weltbesten Fotografen und Stylisten unter Vertrag hat, will ernsthaft behaupten, man habe das komplette Setting der Protagonistin überlassen? Und wenn es tatsächlich so gewesen wäre, hätte die Redaktion das Cover erst recht und unbedingt verteidigen müssen. So hat sie weder Kamala Harris noch der Sache der Frauen in Führungspositionen einen guten Dienst erwiesen. Schade ist es auch um die Energie, die es alle Beteiligten, insbesondere Kamala Harris, gekostet hat um Statements und Rechtfertigungen zu formulieren. Ebenso wie die Tatsache, dass dieser besondere Moment vielen als missglückter Versuch in Erinnerung bleibt, statt die erste Vizepräsidentin der USA als solche auf dem Cover der VOGUE angemessen zu feiern.


Parallel zu dieser Story kursieren auf Social Media derzeit erstaunlich viele Diskussionen zum Thema ‚weibliche Führungskräfte und ihre persönlichen Looks‘. Das fängt an bei rotem Lippenstift, modischen Outfits und endet bei High Heels. Erstaunlich ist dabei, dass die Reaktionen, von Frauen und Männern gleichermaßen, oft sehr spießig zu sein scheinen. Offensichtlich gilt auch heute noch: weibliche Kompetenz wird ganz klar am Outfit festgemacht, leider.In diesem Zusammenhang stellt sich die wichtige Frage, ob Kamala Harris in diesem sympathisch und selbstbewusst lässigen Look tatsächlich im White House unterwegs ist oder ob sie vor Eintritt nicht doch schnell noch die dunkelbraunen Sneakers gegen schlichte Pumps tauscht. Denn genau das macht einen entscheidenden Unterschied zwischen einem authentischen, persönlichen Style und einem angepassten Businesslook. Die Sneakers geben dem ansonsten unauffälligen Outfit den besonderen Twist und zudem der Trägerin die Chance, guten Fußes durch einen langen Tag zu kommen. Gleichzeitig sind sie eine freche Herausforderung an die KollegInnen, die möglicherweise die Nase rümpfen aber sonst nicht viel beanstanden können und schon gar keine Zweifel an der Fähigkeiten von Kamala Harris zulassen. Im Falle von einem eher klassischen Schuhwerk fiele dies alles weg und es bleibe beim konventionellen und angepassten Business Outfit, was in ihrer Position ebenfalls total ok wäre.


Es stellt sich die Frage was berufstätige Frauen selbst aus dieser Geschichte lernen und sogar vielleicht noch beitragen können, um veraltete Vorstellungen aufzubrechen. Sichtbarkeit und Personal Branding sind Themen, die mehr und mehr in den Fokus rücken. Wir definieren uns immer weniger über bestimmte Jobtitel oder Positionen und werden stattdessen mit unseren Fähigkeiten und Skills sichtbar. Was sich in diesem Zusammenhang jedoch nur langsam verändert, ist die Tatsache, dass Frauen weit mehr als Männer nach ihrem äußeren Auftreten beurteilt werden. Sie müssen sich demnach weit stärker ihrer Wirkung bewusst sein und diese Wirkung verhält sich relativ zur Sichtbarkeit. Es gilt, je öffentlicher die Frau, desto kritischer das Umfeld. Dabei ist es nicht so, dass es keinen persönlichen Spielraum gäbe, die Grenzen sind nicht in Stein gemeißelt. Aber es ist absolut unerlässlich, die eigene Wirkung und den persönlichen Stil ins Kalkül zu ziehen, sobald frau eine führende Rolle anstrebt.


Ebenso wie die Ausbildung und Karriereschritte geplant sein wollen, ist es ratsam, sich mit der persönlichen Performance zu befassen. Ein schlecht sitzender Blazer, ein Rock der ständig zurechtgezupft werden muss, weil er zu eng ist oder die falschen Schuhe, sind Dinge, die es unbedingt zu vermeiden gilt, wenn frau entspannt durch einen anspruchsvollen Berufstag kommen möchte. Dabei sollte es durchaus erlaubt sein, mit Chucks zu einem Hosenanzug durch die Gegend zu laufen, so lange es eine wichtige Voraussetzung erfüllt ist – Authentizität. Kleidung soll unterstützen, statt frau aus dem Konzept zu bringen. Und ein roter Lippenstift oder High Heels, vorausgesetzt frau kann wirklich gut darauf laufen, können wahre Booster für das weibliche Selbstbewusstsein sein.


All diese Aspekte werden leider gerne unter dem Begriff „Oberflächlichkeit“ abgetan und frau beruft sich auf innere Werte wie Bildung und Kompetenz. Aber was nützt uns dies, wenn ein kurzes Blümchenkleid mit Harmlosigkeit und ein schlichtes Kostüm mit Langeweile assoziiert werden und es ganz viel Energie braucht um zu überzeugen, dass die getroffenen Annahmen nicht stimmen. Wesentlich klüger ist es, sich Gedanken drüber zu machen, wie sich Ziele und Performance perfekt in Einklang bringen lassen.

Uns Frauen steht ein enormer Werkzeugkasten an Möglichkeiten für die persönliche Best Performance zu Verfügung. Diesen gilt es zu nutzen um nach und nach die Grenzen zu verschieben und die Limitationen auf dem Weg nach oben zu beseitigen. Denn je mehr Frauen in wichtige Führungsebenen aufsteigen, desto eher werden wir veraltete Strukturen auflösen und unsere Gesellschaft hin zu mehr Gleichstellung tatsächlich verändern.


Aus diesem Grund sollten wir Frauen anfangen, unsere eigenen Bilder und Cover zu entwerfen. Mit Sneakers, Jeans, Anzug oder anderen Statements, die wahre Stärke, Souveränität und Stilgefühl ausdrucken. Denn selbst wenn diese Statements auf naserümpfende Kollegen trifft, ist es umso wichtiger, dass frau in der Lage ist, standhaft Kante zu zeigen. Wenn diese Standhaftigkeit braune Chucks erfordert statt schwarze Pumps und diese Entscheidung bewusst getroffen wird, wird Kleidung zu einem Werkzeug. Ein Werkzeug, dass es zu nutzen gilt, um letztendlich das eigene Potential voll auszuschöpfen und nach außen sichtbar zu machen.

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