• Susanne Bilz

Rippenleggins – ja oder nein? Unsere (sehr) ehrliche Meinung.

Immer wieder werde ich nach den Insignien eines guten Stils gefragt und muss dann antworteten, dass es die eigentlich nicht gibt.


Stil ist eine ganz persönliche Sache und so vielfältig, wie wir alle eben sind. Leichter ist es, wenn ich die Frage umdrehe und aufzählen soll, was einem guten Stil eindeutig zuwiderläuft. Da kann es schon sehr viel konkreter werden und sofort kommt mir zum Beispiel die Wahl der richtigen Hosenform in den Sinn. Dabei treibt mich seit einigen Wochen ein ganz bestimmtes Hosenmodell um und mir regelmäßig den Stil-Schweiß auf die Stirn...


Anfänglich hielt ich es für ein Experiment zur Gestaltungsmöglichkeit der guten alten Rippenstrumpfhose der frau einfach die Füße abgeschnitten und stattdessen ein bisschen Weite eingebügelt hatte. Aber nachdem dieser Hosentyp mir immer öfter im Straßenbild begegnete, vornehmlich in den Farben schwarz, sand und weiß begann es mir zu dämmern. Es handelte sich offensichtlich um einen klaren Trend, den ein Textil-Unternehmen erfolgreich aufgenommen hat und zu vermarkten wusste.


Dieses Modell ist im Grunde ein Kreuzung aus Legging und Schlaghose. Es legt sich wie eine zweite Haut um Po und Oberschenkel, und mit üppiger Weite ab dem Knie und Überlänge fließt es in weichen Wellen über das Schuhwerk. In einem leicht dehnbaren Material mit einer gewissen Festigkeit wäre das ein Rezept für einen wahren Silhouetten-Zauber der locker 4 Inches wegradiert. Aber diese Modell ist aus einem ultraweichen Rippenjersey gearbeitet und dieser schmiegt sich nicht nur an Po und Bein sondern eben auch an jede andere Kontur oder Welle, die den weiblichen Körper nun mal auszeichnen.

Das weiß ich deshalb so genau, weil kürzlich eine junge Frau vor mir herlief und genau in einer solchen Hose steckte, einer sandfarbenen. Das einzige was nicht genau zu erkennen war, war die exakte Farbe des Strings, den sie trug. Anhand ihres sehr sorgfältigen sonstigen Stylings und ihrer Accessoires vermute ich, dass ihr die rückseitige Wirkung ihres Outfits nicht bewusst war.


Das Vertrackte an solchen Kleidungsstücken ist die Tatsache, dass sie uns von Social-Media-Stars und Influencern als absolut Hip dargestellt werden. Eine die sich auskennt und der ich vertraue, sagte mir, dass Kim Kardashian wohl die Urheberin dieses Hosen-Trends sei. Das mag sein und Kim sieht in einer solchen Hose sicher absolut umwerfend aus aber das sollte bei uns nicht die Hirnzellen ausknipsen, denn


1) Ein Modell das KK trägt, ist zu 100% nicht aus einem lappigen 08/15 Rippenjersey gefertigt sondern entspricht eher dem Wunderstretch eines Azzedine Alaia, der zwar genauso aussieht, aber unbedingt die Fähigkeit von Shapewear hat.


2) Jeder Star, der ein solches Kleidungsstück trägt und vors Publikum tritt, steckt darunter in jedem Fall in einem Bodyshaper, der die normale Lungenfunktion maßgeblich beeinträchtigt.


3) Stars von der Strahlkraft einer Kim Kardashian beschäftigen 24/7 entweder eine Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin oder sogar beides.


4) Und zu guter Letzt darf frau nicht außer Acht lassen, dass ein Foto nie ein Kleidungsstück in lebendiger Bewegung abbilden kann.


Für alle Fast-Fashion-Anbieter sind solche Trends allerdings eine absolute Goldgrube. Schnitttechnisch ist diese Hose völlig anspruchslos. Aus einem lappigen Viskosestretch werden zwei Röhren mit 2 Nähten zusammengenäht, die Kanten versäubert und fertig. Nicht mal verschiedene Größen müssen berücksichtigt werden. Das Material ist so dehnbar, dass eine einzige Größe vermutlich ausreicht. Bei den schlanken Frauen liegen die Rippen eben näher aneinander und die Hose ist länger, bei üppigen Figuren dehnt es sich mehr und die Hose wird dann einfach kürzer.

Keine versierte Schnittmacherin, keine professionelle Näherin oder Büglerin, nichts von alledem. Zusammennähen, in die Plastiktüte und ab in den Briefkasten. Jeder Slip erfordert mehr Sorgfalt.

Die erste Wäsche wird die Hose kaum überstehen aber das macht bei den Preisen auch gar nichts. Wir bestellen einfach eine neue.


Ich verstehe die Verführungskraft solcher Trends. Wir wollen etwas abhaben vom Glanz der Stars und Influencer und wenn das für wenig Geld zu haben ist, dann umso besser. Trotzdem sollten wir kurz darüber nachdenken, welchem Trend wir folgen und warum. Wer wollen wir sein und welche Botschaft wollen wir aussenden.


Und …interessiert uns Nachhaltigkeit tatsächlich oder ist es nur ein Schlagwort, das wir hin und wieder nutzen und dann auch wieder in der Gewissens- Schublade verschwinden lassen.

Bitte versteht mich nicht falsch. Leggings haben durchaus ihre Berechtigung. Im Sport, beim Ballett oder Yoga sind sie unschlagbar. Überall dort wo wir etwas für uns selbst tun, kann körpernahe Kleidung unseren Sinn für die eigenen Kraft, das Selbstbewusstsein und das eigenen Körpergefühl ganz wesentlich unterstützen und schärfen. Und das ist gut so!


Sobald wir nach außen treten, wir einen stilvollen Auftritt haben möchten und die enge Hose einfach das Liebste ist, brauchen Leggings oder sehr enge Röhren gute Begleiter. Das können ein lässiges Blusenshirt, ein Boyfriend-Blazer, ein kuscheliger Strickpulli, ein kurzes Kleid, ein Longshirt oder ein leichter Mantel sein. Alles was mindestens bis zum Ansatz des Oberschenkels reicht, ist absolut perfekt. Und…, eine enge Hose sollte unbedingt oberhalb des Knöchels enden und sich keinesfalls in Falten auf den Schuhen stauen. Wenn das alles passt, kann auch die engste Hose Teil einer stilvollen Garderobe sein.





Mein Fazit – Guter Stil ist in jedem Fall immer ein bisschen geheimnisvoll zu bleiben.

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