• Susanne Bilz

Fellwechsel

Auch wenn der Frühling heute gerne mal gleich in den Hochsommer umschwenkt und der Winter auf sich warten lässt, kann es unter Umständen sehr sinnvoll sein, zweimal im Jahr eine kurze Bestandsaufnahme des Kleiderschrank zum Saisonwechsel durchzuführen – nicht zuletzt um das Bewusstsein für die eigene Garderobe dabei zu schärfen.



Die Sommerferien verbrachten wir als Kinder viele Jahre in Fishkill N.Y., einer typisch amerikanischen Kleinstadt im Hudsonvalley Upstate New York. Dort lebten meine Großmutter und Tante mit Familie als Teil der damals noch vorhandenen Mittelschicht. Die Häuser standen wie Perlen auf weitläufigen Rasenflächen, es gab keine Zäune oder Mauern und bei nahezu jeder Familie stand ein riesiger Pool im Garten.


Amerika war noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit breiten Highways für schiffsähnliche Autos (die leider nie schnell fahren durften), mannshohen Kühlschranken mit Gallonen voll Coke und Eiscreme, Supermärkten mit kilometerlangen Obst-und Gemüsetheken, Hunderte Sorten Cornflakes und pfannengroßen Steaks. Barbiepuppen waren noch nicht als frauenfeindlich diskreditiert und Hamburger mit French Fries und Ketchup noch unglaublich lecker statt als Junkfood verpönt. Beides haben wir vorbehaltlos gefeiert. Diese Wochen waren paradiesisch und am Tag der Rückkehr war es spätestens beim Abbiegen am Frankfurter Kreuz auf die ‚schmale‘ A5 vorbei mit allen guten Vorsätzen, diesmal nicht zu weinen, weil es wieder für ein Jahr vorbei ist.


Bei all den Kindheitserinnerungen hat mich eine Sache bis heute nachhaltig beeindruckt – und das war der begehbare Kleiderschrank. Fast jedes Schlafzimmer hatte einen und für mich war es die bürgerliche Version des herrschaftlichen Ankleidezimmers. Ich war wirklich begeistert. Ein kleiner Raum mit Kleiderstangen und Regalen bis zur Decke in die alles passte, was frau im Laufe der Jahre sammelt und für „aufhebenswert“ hält ohne dabei die Übersicht zu verlieren. Das war großartig und ein Fest, wenn ich darin stöbern durfte.


Leider bin ich im Laufe meines Lebens nie in den Genuss eines solchen Kleiderzimmers gekommen und auch das moderne Gegenstück, die meterlange Schrankwand, ließ sich nicht einbauen. Es brauchte also Phantasie um mit meiner vielgeliebten Sammlung an schönen und alltäglichen Kleidungsstücken richtig und sinnvoll umgehen zu können.


Die Lösung ist heute eine kleine Kammer unter der Dachschräge, zu niedrig für Regale aber groß genug um einen Stapel von sogenannten ‚Unterbett-Kommoden‘ unterzubringen. Das ist eine Art faltbarer Stoffkoffer mit Reißverschluss aber ohne Griff. Sie beherbergen im Sommer die Wintersachen und im Winter entsprechend umgekehrt. Zugegeben, der jeweilige Tag des persönlichen „Fellwechsel“‘ ist ein bisschen aufwendig und für einigen Stunden chaotisch aber die Vorteile des Systems machen die Nachteile bei Weitem wett. So übersteht alles Wollige den Sommer deutlich besser in der Stoffkommode, weil es als Leckerbissen für hungrige Motten einfach nicht erreichbar ist.


Ordnung und Überblick sind weitaus größer, wenn immer nur die Hälfte des Bestandes zu verräumen und zu sehen ist. Und Stücke, die ich über Monate nicht in der Hand hatte, schätze ich mehr, wenn sie wieder zum Vorschein kommen, statt mich darüber zu ärgern, dass sie immer so viel Platz im Schrank blockieren.

Grundsätzlich muss auch nicht alles saisonbedingt ausgetauscht werden. Key-Pieces wie das schwarze Jackett oder Kleid, Jeans oder Chinos sind Kleidungsstücke für’s ganze Jahr. Basic-Shirts und Blusen haben ebenfalls einen ganzjährigen Stammplatz, ebenso wie die schwarze Lederjacke oder die kleine Steppweste. Sommershirts taugen im Winter nämlich unter schönen aber kratzigen Pullovern und an kühlen Sommerabende kann die kleine Steppweste überm dünnen Sommerkleid der Retter in der Not sein. Und eine kurze Lederjacke geht sowieso immer, abgesehen von ein paar Tagen im Hochsommer.

Ganz nebenbei hat mich mir System auch zu mehr Bewusstheit und Disziplin verholfen. Mich hin und wieder intensiv mit dem zu beschäftigen, was ich habe und es in die Hand zu nehmen, schärft meinen Blick auf’s Wesentliche und das Verzichtbare. Die Garderobe wird kleiner und trotzdem bleibt die Vielfalt erhalten, einfach weil ich den Blickwinkel verändere.Und wenn ich tatsächlich etwas aussortiere, dann geschieht das aus Überzeugung und ohne Gefahr späterer Reue, weil ich es weggegeben habe.


Selbstverständlich kommt mir die Schnelllebigkeit der Modeindustrie hierbei sehr entgegen. Die Trends sind heutzutage derart kurzlebig, dass sie sich kaum noch als solche erkennen oder gar gegeneinander abgrenzen lassen. Alles ist erlaubt und kaum jemand ist in der Lage das Alter eines Kleidungsstücks genau zu benennen. Die Kopien der Kreationen der angesagten DesignerInnen sind zeitweise sogar schneller auf dem Markt als die Originale auf dem Laufsteg.


Das gibt Raum für einen ganz individuellen Stil, der sich nicht um Trends schert und sich ausschließlich nach den persönlichen Bedürfnissen richten darf. Weniger Konsum und mehr Nachhaltigkeit sind damit eigentlich programmiert und das hat eindeutig sehr viele gute Seiten. Erstaunlich was so ein Kindheitstraum alles auslösen kann.



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