• Susanne Bilz

12 cm-Heels und Tüllrock: Die Inspirationsquellen eines Serienjunkies



Zugegeben – ich bin zum Serienjunkie geworden.


Konnte mich früher ein 1200-Seiten Roman völlig in seinen Bann ziehen so verschlinge ich heute Folge um Folge auf Netflix und bin genervt wenn auf meinem Bildschirm die Frage aufpoppt, ob ich noch da sei und flippe aus, wenn ich die Fernbedienung nicht gleich zur Hand habe.


Meine Lieblinge sind Serien, die annähernd etwas mit dem ‚echten Leben‘ zu tun haben, also weder Horror noch Fantasy, wobei das natürlich nicht ausschließt, dass beides auch im echten Leben vorkommt. Aber das ist ein anderes Thema.


Ich liebe also Serien über Beziehungen, Jobs, Familie und all sowas. Alles was uns Menschen eben umtreibt. Am allerliebsten sind mir Serien in denen nicht nur die Storyline und die Charaktere sehr gut herausgearbeitet sind sondern auch viel Liebe auf das gesamte Setting verwendet wurden. Da gibt es nämlich gewaltige Unterschiede.


Beispielsweise ist ‚THE CROWN‘ eine Serie, die keinerlei Aufwand und Kosten zu scheuen schien um möglichst nahe am Original zu sein und selbst wenn man die Story nicht mag, lässt sich die die Qualität der Verfilmung kaum leugnen.


Ich wäre kein echter Style Coach wenn mich nicht auch das jeweilige Styling interessieren würde und ich kann mich total begeistern, wenn eine Figur als Ganzes funktioniert, d.h. Charakter und Outfit passen zusammen. Es gibt tolle Beispiele und ich würde sagen, dass US-Serien weitaus mehr Fokus auf gutes Styling setzen als das bei deutschen Produktionen der Fall ist. Es gibt Ausnahmen aber ich hege den Verdacht, dass es bei deutschen Produktionen an diesem Punkt eine Art ‚Sparbefehl‘ zu geben scheint. Nehmen wir das Beispiel ‚Tatort‘. Nicht selten denke ich, dass da am Set ein großer Schrank steht, aus dem sich die Protagonisten dann jeweils was rausnehmen und leider fehlt der Spiegel in der Nähe. Klar will man die Figuren als ‚eine/r von uns‘ agieren lassen aber so schlecht wie manches Filmpersonal sind die Deutschen nun doch nicht angezogen.


Amerikanische Serien sind anders und ja, manchmal sind alle ein bisschen zu schön und zu glatt, aber grundsätzlich ist nahezu immer ein Zusammenhang zwischen Figur und Styling erkennbar. Es scheint nie beliebig, erhöht in jedem Fall die Glaubwürdigkeit der Charaktere und ist meiner Meinung nach immer Teil des Erfolgs.


Aus meiner Sicht als Style Coaches ist das alles eben nicht nur unterhaltsam, sondern kann tatsächlich auch sehr lehrreich und durchaus übertragbar auf unseren Alltag sein, besonders den von uns Frauen.

Nehmen wir beispielsweise die Serie ‚SUITS‘. Die Story einer Top-Anwaltskanzlei in NYC ist vom Styling her gesehen großartig. Die Uniform des Staranwalts ist zweifelsfrei der Anzug und die Herren in dieser Serie machen da keine Ausnahme. Aber, jeder einzelne Typ steckt genau in der Variante eines Suits, die seiner Attitüde und seiner inneren Haltung entspricht und die Figur damit glaubwürdig macht. Das sind Nuancen in Passform, Farbe, Krawatte, Schuh oder Uhr aber genau das macht den Unterschied und verursacht die Zu-oder Abneigung, die wir für eine solche Figur entwickeln. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie sehr wir über unser Äußeres kommunizieren und dass wir IMMER kommunizieren sobald wir unserer Augen geöffnet haben.


Die weiblichen Protagonistinnen dieser Serie sind ebenfalls beispielhaft für ein sehr gutes Styling. Zwar kommt mir der leise Gedanke an Sexismus wenn alle Damen immer auf mindestens 12 cm-Heels auf den Fluren unterwegs sind und allesamt in hautengen, völlig komfortbefreiten schmalen Röcken oder Kleidern stecken. Niemand kann mir erzählen, dass frau von morgens bis tief in die Nacht freiwillig solche Schuhe trägt und auch die Kleider sind hin und wieder eine Herausforderung aber, und das ist der Punkt, auch hier zeigt sich die Bandbreite der Kommunikation, die über das richtige Outfit möglich ist. Das gesamte Styling strahlt Kompetenz, Klarheit und Autorität aus ganz ohne dabei auf Weiblichkeit zu verzichten. Das gelingt in dieser Serie sogar über die gesamte Bandbreite weiblicher Proportionen und ist in meinen Augen einfach toll und inspirierend.


Selbstverständlich lässt sich das nicht eins zu eins auf unseren Alltag übersetzen. Die schiere Menge der Kleidungsstücke würde selbst das größte Schrankzimmer sprengen, ganz zu schweigen vom Bankkonto. Aber es macht auf unterhaltsame Weise erkennbar, was Stil und Styling tatsächlich ausmachen und wie sich das für uns nutzen lässt.


Ein für mich eher negatives Beispiel für Styling ist ‚ And Just like That‘ als Fortsetzung der Kultserie ‚Sex and the City‘ Anfang der 2000-er. Die Serie schreibt die Geschichte der vier jungen New Yorkerinnen vor 20 Jahren als Frauen in ihren 50-ern fort und versucht dabei alle Facetten eines modernen Frauenlebens darzustellen. Alles kommt auf den Tisch: Alter, Schönheit, Job, Liebe, Kinder, Beziehung, Freundschaft, Siege und Niederlagen und die drei Hauptdarstellerinnen beweisen einen erfrischenden Mut zum Alter. Es klingt nach ‚echtem‘ Leben aber die Figuren schweben in ihren Outfits trotzdem seltsam über den Dingen. War die ursprüngliche Serie in Sachen Styling eine Inspiration für das gesamte Modebusiness so erscheint es mir jetzt seltsam gestrig. Nur die männlichen Protagonisten sind wirklich authentisch.


Klar ist es unterhaltsam wenn Carrie, wie eine Kindergartenprinzessin, im bodenlangen, weißen Tüllrock zu Stiefelchen und buntem Ringelpulli ihren morgendlichen Coffee-to-Go im Laden an der Ecke holt oder sie mit einem 5-Stunden-Friseurtermin-Kopfputz zum Lunch erscheint. Auch das bodenlange Sumpfdotterblumen-gelbe Rokokokleid ist eine Granate, aber… als stilistische Inspiration taugte das alles nicht. Überhaupt sind nahezu alle weiblichen Protagonisten immer nahe an der Lächerlichkeit und das ist in Hinblick auf die Frauenthemen eigentlich sehr schade.


Ich habe trotzdem alle Folgen angeschaut und hatte meinen Spaß und aus meiner Sicht als Style Coach dient es ebenfalls als Beispiel für Kommunikation über Outfits – die, die eben nicht so gut funktionieren. Das ein oder andere Outfit wird dennoch in den Schaufenstern der großen Fashionkonzerne auftauchen und dann… lasst es einfach hängen.


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